Glaube und Wissen

„Ich glaube nur, was ich sehe!“
Kein ernstzunehmender Atheist würde das noch so formulieren. Zu sehr ist uns heute bewusst, wie begrenzt unsere Sinne sind – und wie leicht zu täuschen. Aber die Haltung hinter diesem Satz ist weit verbreitet. Es geht wohl um den Wunsch nach objektiv feststellbaren und d.h. beweisbaren Fakten, letztlich um Klarheit und Sicherheit.
Nun ist das mit Fakten ja so eine Sache. Spätestens in der Corona-Pandemie haben wir gelernt, dass auch Naturwissenschaftler mit ihren Thesen und Untersuchungen zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen kommen können. Dann ist es mit der Klarheit und Sicherheit plötzlich gar nicht mehr so weit her.
Mit dem Satz zu Beginn ist jedoch etwas anderes gemeint, nämlich die Frage nach der Existenz einer höheren Macht. Die kann man nun wirklich nicht beweisen, auch nicht, wenn man tief in die Theologie eintaucht. Gott entzieht sich unserem Zugriff.
Allerdings lesen wir im Evangelium dieses Sonntags, dass er sich berühren lässt. Es ist eines der schönsten Osterevangelien: der „ungläubige“ Thomas. Der Auferstandene ist einer ganzen Gruppe erschienen, Thomas war nicht dabei und glaubt jetzt den Aussagen der anderen nicht. Er will selber die Wundmale Jesu sehen und berühren. Damit ist er eigentlich nicht besonders ungläubig – er will halt den gleichen Beweis, den die anderen auch hatten. Jesus hat auch Verständnis dafür: Als er wiederkommt, darf Thomas ihn berühren.
Und dann spricht Jesus von uns: „Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“
Nein, wir „sehen“ nicht, d.h. wir haben keinen wissenschaftlichen Beweis für die Auferstehung. Was wir haben, sind allein die Aussagen der Glaubenszeugen. Es beginnt mit denen, die den Auferstandenen tatsächlich noch gesehen und erlebt haben, aber dabei bleibt es nicht. Wenn wir nur von ihnen unseren Glauben nähren sollten, so würde es uns wohl wie Thomas gehen. Doch im Laufe der Jahrhunderte haben unzählige Christen wieder und wieder Gott als lebendig erfahren. Das können sie nicht beweisen, denn es sind subjektive und nicht wiederholbare Erlebnisse. Sie können nur Zeugnis davon ablegen. Dennoch sind es solche Erfahrungen, die uns Mut machen, unseren Glauben zu leben – bis wir vielleicht eines Tages selber sagen können, dass wir Gott erfahren haben. Im Gebet, in der Gemeinschaft, in einer Begegnung, in der Natur, in der Kontemplation …
Im Glauben gibt es keine absolute Gewissheit, keine Beweise. Glaube ist immer ein Wagnis. Gerade deshalb sollten wir uns trauen, miteinander zu teilen, was uns auf unserem Weg stärkt.
Herzliche Grüße
Sr. Barbara