Johannes der Täufer

Liebe Leserinnen und Leser!
Wenn ich mit Kindern eine Kirchenführung mache, beginne ich meist bei der Johannesdarstellung am Eingang. Ich frage dann, was die Kinder sehen. Ganz klar: Da ist ein Mann, der hat ein Schaf auf dem Arm. Ich erkläre: der heißt Johannes und das Schaf ist noch ein Lamm. Aber was macht er mit dem Lamm? Bei der Darstellung draußen ist das gar nicht so leicht zu erkennen. Wir Erwachsenen wissen natürlich, was es sein soll, aber ein Kind sagte mir mal: der Johannes streichelt das Lamm.
Seither kann ich es nicht mehr anders sehen: ich finde, das Kind hat Recht! Unser Johannes krault sein Lamm Gottes, ganz liebevoll und vorsichtig – sehen Sie es sich mal an!
Das entspricht natürlich nicht unserer üblichen Vorstellung unseres Pfarrpatrons. Hat er nicht Umkehr von den Sünden gepredigt, von der Taufe mit Feuer und vom Gericht gesprochen und die Pharisäer „Schlangenbrut“ genannt? Das alles findet in der Statue im Inneren unserer Kirche Ausdruck: Dieser Johannes ist kraftvoll, energisch, asketisch.
Allerdings ist es das Evangelium nach Matthäus (schwächer bei Lukas und Markus), das dieses Bild zeichnet. An diesem Sonntag lesen wir aber aus dem Johannesevangelium – und dort wird der Täufer anders beschrieben. Die gleiche Szene wirkt hier wesentlich ruhiger, vorsichtiger. Hier spricht der Täufer Johannes davon, dass er Jesus nicht kannte – bis er sah, dass bei der Taufe der Geist wie eine Taube auf ihn herabkam. Wichtig auch: die Taube, der Geist bleibt auf Jesus. Das ist natürlich kein historischer Bericht, sondern das theologische Bekenntnis, dass Jesus später selber den Geist senden wird.
Der historische Täufer Johannes hat wohl die Taufe mit Feuer und Geist für das Endgericht erwartet. Im Johannesevangelium dagegen bezeichnet er Jesus als Lamm Gottes, als von Gott gesandt, um die Sünde wegzunehmen. Jesus will uns mit Gott versöhnen. Eine völlig andere Botschaft. Befreiend, voller Liebe. Vielleicht entspricht sie weniger dem historischen Täufer, aber sicher entspricht sie den Worten und Taten Jesu.
Herzliche Grüße
Sr. Barbara