„Unmündig - ich?!“

Liebe Leserinnen und Leser!
Eine unserer koreanischen Schwestern erzählte einmal von einem kuriosen Missverständnis: jemand wollte ihr ein Kompliment machen und nannte sie „schlau“. Sie kannte das Wort damals noch nicht so richtig, assoziierte die schlaue Schlange in der Schöpfungserzählung der Bibel - und war tief gekränkt!
So geht es mir beim Evangelium dieses Sonntags. Da heißt es, dass Gott seine Offenbarung den Unmündigen zuteilwerden lässt, vor den Weisen und Klugen bleibt sie verborgen. Ich mag die Stelle nicht! Ich will nicht unmündig sein, ich bin doch kein Kind mehr! Okay, weise bin ich jetzt auch nicht, aber klug? Es wäre schon schön, wenn man das im Laufe des Lebens würde, oder?
Jedes Mal stolpere ich erstmal über diese Begriffe! Dabei muss man doch sehen, dass es Jesus ist, der das sagt. Er verkündet den Menschen die frohe Botschaft von der Liebe Gottes. Dabei wendet er sich an alle Menschen, doch es sind besonders die „kleinen Leute“, die sich ihm öffnen. Fünf der Apostel waren vorher Fischer: als er sie rief, ließen sie sofort ihre Netze liegen und folgten ihm – sie hatten nicht viel zu verlieren und konnten das Abenteuer unbefangen wagen. Die vielen Kranken, die alles mögliche unternehmen, um zu ihm zu gelangen – haben gar nichts mehr zu verlieren. Sie vertrauen ihm blind, oft im wahrsten Sinne des Wortes. Sie alle sind die „Unmündigen“, keine Kinder, nicht dumm oder noch nicht so ganz zurechnungsfähig. Aber sie sind offen für die neue Botschaft und voll Vertrauen gegenüber Gott. Damit erweisen sie sich als seine Kinder.
Die Pharisäer und Schriftgelehrten dagegen stehen in der Mehrzahl der neuen Botschaft skeptisch gegenüber und lehnen sie schließlich ganz ab. Sie gelten als die Weisen und Klugen. Doch sie sind sich so sicher, die Wahrheit längst zu besitzen, dass sie nicht in der Lage sind, sie zu erkennen und zu empfangen, wenn sie in einer neuen Gestalt kommt.
Bleibt wieder die Frage: wo sind wir in diesem Evangelium? Haben wir die Wahrheit schon gepachtet? Oder können wir uns vertrauensvoll dem öffnen, was Gott uns heute für unser Leben sagen will?
Vertrauensvolle Grüße
Sr. Barbara