Vergebung

Liebe Leserinnen und Leser,
Hand aufs Herz! – Wir alle leben doch von der Vergebung: Ein Kind, das sich nicht an die familiären Spielregeln gehalten hat und mit zerknirschtem Gesichtsausdruck zu seiner Mutter eilt, wartet doch darauf, dass sie es in den Arm nimmt und sagt: »Es ist wieder gut. Ich bin dir nicht mehr böse.« Ein Jugendlicher, der Blödsinn gemacht hat und der nach Bekanntwerden seines Fehltritts mit hängenden Schultern und geneigtem Haupt vor seinem Vater steht, sehnt sich doch danach, dass er ihm auf die Schulter klopft oder über sein Haupt streichelt und ihm zuspricht: »Ich verzeihe dir.«
Wenn Eltern betroffen bemerken, dass sie ihren Kindern in der Vergangenheit nicht die Aufmerksamkeit und Wertschätzung entgegengebracht haben, die sie gebraucht hätten, wenn ein Partner reumütig erkennt, dass er sich in der letzten Zeit kaum um seine Partnerin gekümmert und ihr gegenüber nur Egoismus an den Tag gelegt hat, wenn einem Arbeitskollegen schmerzlich klar wird, dass er sein Team durch sein Fehlverhalten in Probleme gestürzt und das Arbeitsklima vergiftet hat, ja, wenn jemand anderen gegenüber um seine Schuld weiß und daran leidet, dann ist in ihm eine quälende Sehnsucht nach Vergebung lebendig.
Wenn wir doch alle letztlich von der Vergebung leben, dann lasst sie uns doch üben und schenken! Wer nachtragend bleibt, hat zudem auf die Dauer viel mit sich herumzuschleppen! Überall dort, wo vergeben wird, wird etwas von Gottes Liebesmacht erfahrbar, die uns zu einem neuen Leben einlädt und befreit.
Vielleicht haben Sie jetzt gerade einen bestimmten Menschen im Sinn, von dem Sie wissen oder zumindest ahnen, dass er oder sie sich danach sehnt, dass Sie ihm oder ihr zusprechen: »Ich vergebe dir.«
Wer Vergebung übt, der schafft für sich und für andere einen neuen Anfang. Und einen solchen neuen Anfang dürfen und sollen wir einander immer und immer wieder schenken. Denn schließlich leben wir doch alle von der Vergebung. Davon spricht Jesus an diesem Sonntag im Evangelium.
Ich wünsche Ihnen allen einen frohen und gesegneten Sonntag!
Ihr Winfried Kisssel, Pfr.